Work-Life-Balance - Geht das?



Interviewerin: Flora Otahal, Mitarbeiterin COX Coaching & Consulting


Warum schlittern Menschen, egal ob Führungskräfte oder Angestellte, in das Burnout-Hamsterrad? Und wie kann man präventiv dafür sorgen, dass man gar nicht erst in diese Abwärtsspirale kommt? All diese Fragen habe ich nicht nur mir selbst gestellt, sondern vor allem auch Michaela Sauerwein, Gründerin von COX Coaching & Consulting, Business Coach und Beraterin. Als junge Frau am Beginn meines Arbeitslebens will ich von ihr und ihren Erfahrungen lernen, also stelle ich ihr auf der Rückfahrt von einem unserer Workshops ein paar Fragen.


Michaela, auch wenn ich weiß, dass dein Terminkalender immer sehr voll ist, nehme ich doch wahr, wie souverän du damit umgehst. Was hat dir denn dabei geholfen, eine bessere Work-Life-Balance zu schaffen?

Auch für mich war es nicht immer ein Leichtes, meinen beruflichen und persönlichen Anforderungen zu entsprechen und eine stimmige Balance zu finden. Wie bei jeder Veränderung im Leben brauchte auch ich diesen einen „Aufweck-Moment“, der mir klar gezeigt hat: So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Im ersten Schritt muss man also einmal die eigene Situation klar erkennen und akzeptieren. Erst dann kann man die nächsten Schritte setzen.


Du warst also selbst schon in dieser Lage, dass du Schwierigkeiten hattest, allen äußeren und inneren Erwartungen gerecht zu werden, ohne dabei das eigene Wohlbefinden zu gefährden. Was hat dich dahin gebracht? Also was würdest du heute nicht mehr machen?

Ein Grundproblem, das ganz häufig zu beobachten ist, ist sicherlich, wenn man sich selbst als letzte Person in der Kette sieht – Ganz nach dem Motto „Alles andere hat Priorität, um meine eigenen Bedürfnisse kümmere ich mich als allerletztes“. Die Basis für eine gesunde Work-Life-Balance, wenn man so will, ist also, sich selbst zu priorisieren. Du darfst auch mal zu dir selbst mütterlich, wohlmeinend und vor allem gnädig sein. Sich selbst zu ‚priorisieren‘ hat nichts mit Egoismus, sondern mit Achtsamkeit zu tun. Wir sollten nicht immer nur nehmen, was übrig bleibt.


Was waren deine nächsten Schritte nach dieser Erkenntnis? Wie hast du versucht, mehr Balance zu finden?

Zuallererst habe ich mir die Frage gestellt: Was brauche ich, um meine Batterien jeden Tag aufzuladen? Am Ende des Tages geht es schließlich darum, dass man mit der eigenen Energie nicht ins Minus kommt. Ganz wie ein Handy-Akku gibt es bei uns Menschen Charge- und Re-Charge-Phasen. Man sollte sich also fragen: Was tut mir gut? Was sorgt dafür, dass ich wieder Energie tanken kann? Für mich ist das zum Beispiel mein frühmorgendlicher Waldspaziergang mit meinem Hund Leo, der für mich nicht nur ein tägliches Ritual, sondern vor allem meine priorisierte Energie-Tankstelle darstellt. Wichtig dabei ist auch, für sich festzulegen, wie man diese Energie-Tankstelle am besten in den eigenen Tag integrieren kann. Wie passt das in MEIN Leben und MEINEN Alltag?


Umgekehrt gefragt: Was würdest du immer wieder genauso machen? Was hat dir bei deinem achtsamen Umgang mit Stress und Druck geholfen?

Sich auch abseits der Arbeit einen Ausgleich zu schaffen, kann ich jedem nur ans Herz legen. Ob das jetzt Familie, Freunde, Freizeitaktivitäten oder Ehrenämter sind, ein Ausgleich zum beruflichen Alltag, hilft enorm dabei, mal abzuschalten und im Allgemeinen mehr Erfüllung zu finden. Mehr noch, dieser Ausgleich rückt die eigenen Wertigkeiten gerade: „Ist das jetzt wirklich so wichtig oder ist es vielleicht vernünftiger die Zeit mit meiner Familie zu verbringen? Wie dramatisch ist das jetzt in Relation?“. So kann der Perfektionismus im Hinblick auf den Job, bei Bedarf, relativiert werden und man fühlt sich wieder geerdeter.


Warum neigen gerade junge Menschen immer mehr zu Überlastungssymptomen? Können sie nicht mehr ‚nein‘ sagen?

Gerade am Anfang ihrer Karriere besteht der große Wunsch, im Job alles zu geben und top zu ‚performen‘. Da kann man sich schon mal selbst ordentlich unter Druck setzen. Eine weitere Schwierigkeit für manche jungen Menschen, die vielleicht noch keine Familie haben, ist sicherlich ihre ‚fehlende Absolution‘ dafür, auch mal Feierabend zu machen. Während andere sich verabschieden, weil sie zu ihrer Familie heimmüssen, wähnen sich junge Menschen teilweise in dem Schein, keinen Grund haben, gleich nach Hause gehen zu müssen.


Müssen wir also alle lernen öfter ‚nein‘ zu sagen? Ist das, letztendlich, die Lösung?

Das würde ich gerne umformulieren. Nicht ‚nein‘ zu sagen ist das Problem, sondern ein unklarer Fokus im Leben, sowohl beruflich als auch privat, stellt uns oft vor überfordernde Situationen. Es geht also darum, für sich selbst einen Fokus und damit auch Prioritäten festzulegen. Was will ich vom Leben? Was ist mir wichtig? Diese Klarheit zu haben, vereinfacht es uns, nur noch zu Dingen ‚ja‘ zu sagen, die zu unserem Fokus und zu unseren Prioritäten passen. Ist das nicht der Fall, fällt es leichter ‚nein‘ zu sagen. Dr. Peter Fuda, ein für mich sehr inspirierender Mensch, rät dementsprechend dazu, jeden Morgen aufs Neue drei Prioritäten für den Tag festzulegen. Das hilft mir auch täglich, den Fokus im Blick zu haben.


Welche Rolle spielt unsere digitale Welt bei unserem Versuch, uns manchmal besser von der Arbeit abzugrenzen?

Selbstverständlich erschweren uns Laptops, Handys, Homeoffice und Co uns die klare Abgrenzung zum Job tendenziell. ‚Always on‘ und erreichbar zu sein, ist heutzutage so verlockend wie noch nie. Der Griff zum Handy ist jedoch eine Entscheidung. Ständige Erreichbarkeit ist eine Entscheidung. Unser Umgang mit Grenzen ist also letzten Endes unsere eigene, bewusste Entscheidung. Dennoch sind digitale Geräte nur ein Punkt, das Thema Abgrenzung reicht viel tiefer in die MENTALE Abgrenzung hinein. Oft kreisen unsere Gedanken ja auch nach der Arbeit weiter um ungelöste Probleme, Konflikte oder anstehende To Dos.


Wie schafft man es denn, sich mental vom Job auch mal abzugrenzen?

Wer nach der Arbeit heimkommt, sollte das Arbeitsoutfit an einen imaginären Haken hängen und alles, was damit zusammenhängt, einfach abstreifen. Es geht darum, Gedanken an die Arbeit ziehen zu lassen. Das erfordert natürlich eine gewisse Kontrolle über die Gedanken, wobei wiederum Achtsamkeitsübungen enorm helfen können. Wir müssen außerdem wieder lernen, einfach mal nichts zu tun und uns zu langweilen. Always on zu sein, macht nämlich nicht nur unglücklich, sondern hemmt auch das kreative Denken.


Haben wir das Geheimnis der Work-Life-Balance jetzt gelöst? Geht es darum, sich Energie-Tankstellen zu suchen, sich nach der Arbeit abzugrenzen und erfüllende Ausgleiche zu schaffen?

Das sind alles wichtige Punkte. Die Quintessenz bei diesem Thema ist aber: Eine richtige Work-Life-Balance gibt es gar nicht. Alles ist ‚life‘. Auch unsere ‚work‘ macht schließlich einen Großteil unserer Lebenszeitgestaltung aus. Wer in der Arbeit im Allgemeinen unglücklich ist und für Wochenenden und Urlaube lebt, um so dieses Nicht-Erfüllt-Sein zu kompensieren, sollte ernsthaft über eine Veränderung nachdenken.


Vielen Dank, Michaela, für dieses Interview!


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