Weltfrauentag 2022



Wir schreiben ein bewegtes Jahr 2022 und heute ist Weltfrauentag. Ja, in unserer ‚westlichen‘ Kultur haben wir sozialpolitisch im Sinne der Emanzipation in einer patriarchalisch-dominierten Welt schon viel erreicht. Doch die Existenz und anhaltende Prominenz des Weltfrauentags zeigen doch nur eines: Nach wie vor brodeln genug Indizien für eine unausgeglichene Balance zwischen den Geschlechtern unter der Oberfläche unseres Zusammenlebens – privat wie beruflich.


Während in der Arbeitswelt auf die Wichtigkeit vom Gendern geachtet wird, Recruiter*innen nach Diversität streben, Frauenquoten eingeführt wurden und sonstige ‚frauenfreundliche‘ Maßnahmen ergriffen wurden und werden, gibt es nach wie vor genug Missstände. Tage wie diese sind leider nach wie vor nötig, um uns alle dafür zu sensibilisieren. In dieser Thematik geht es nicht um die Frage, wer Schuld daran trägt, dass ‚uns Frauen die Welt nicht passt‘. Viel wichtiger ist ein Blick auf die Ursachen von geschlechterbezogenen Ungerechtigkeiten und mögliche Wege, diesen entgegenzuwirken.


Zwei Seiten einer Geschichte: Ursache und Wirkung


Ursache Nr. 1 – Unsere Erinnerungskultur

Unsere historische Erinnerungskultur ist eine männlich-dominierte. Wie viele weibliche Straßennamen, Statuen, Denkmäler, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Künstlerinnen und Wirtschaftstreibende könnten wir benennen? Und wie viele männliche Beispiele fallen uns sofort ein? In unseren Köpfen dominieren beim Gedanken an großartige historische Persönlichkeiten tendenziell Männer. Öffentliche Räume und sogar Schulbücher sind geprägt von Würdigungen herausragender männlicher Figuren - Frauen finden seltener Erwähnung. Das prägt vor allem auch das Denken unserer Jüngsten.


Ursache Nr. 2 – Strukturelle Entscheidungen

Wir haben ein strukturelles Problem, wie die Autorin des Buches „Unsichtbare Frauen“ Caroline Criado-Perez aufzeigt. Ein omnipräsenter Mangel an Wissen über weibliche Bedürfnisse schlägt sich auch in unserem Alltag und in unserer Arbeitswelt nieder. Sind die Entscheidungsträger männlich, so entscheiden sie nach ihren Bedürfnissen und Prägungen. Es bräuchte also mehr Entscheidungsträgerinnen beziehungsweise ein geschlechterbezogenes Gleichgewicht, um dieses strukturelle Problem aufzubrechen und auf die Bedürfnisse von Frauen einzugehen: Egal ob in der Wissenschaft, Politik, Privatwirtschaft oder in anderen gesellschaftlichen Bereichen.


Ursache Nr. 3 – Verschiebung der Prioritäten im Krisenmodus

Seit zwei Jahren erleben wir eine Pandemie, die unser aller Berufs- und Privatleben verändert hat. Zusätzlich dazu umgeben uns politische Instabilitäten, Klimakrisen und sonstige Missstände. Stabilität und Sicherheit sehen allenfalls anders aus. Während Krisenzeiten viele Chancen auf Innovation bieten, verschieben sich dadurch aber auch Prioritäten. Der Krisenmodus schlägt zu und *zack* stolpern wir einen Schritt vor und zwei zurück. Bei einem Ausfall von Kinderbetreuungsmöglichkeiten waren es tendenziell die Frauen, die Zusatzbelastungen auf sich genommen und ‚Care-Arbeit‘ geleistet haben: Wie viele Mütter haben plötzlich Homeschooling, Hausarbeit und Homeoffice unter einen Hut gebracht? Strukturelle, unbewusste Prägungen kehrten im Krisenmodus auf leisen Sohlen zurück. Jetzt gilt es, so manches wieder auszugleichen.


Ursache Nr. 4 – Die Macht der Sprache

Denken prägt unsere Worte und Worte prägen unser Denken. Sprechen wir also vermehrt im generischen Maskulinum, so vergessen wir bei Begriffen, wie ‚Techniker‘ oder ‚Politiker‘, gerne auf Technikerinnen und Politikerinnen. Gestützt wird diese logische Konsequenz durch zahlreiche Studien, in denen genau dieser sprachliche Effekt auf entstehende mentale Bilder untersucht wurde. Deshalb ‚gendern‘ wir: Um auch Frauen in unser Bewusstsein zu rücken. Aber beim Gendern allein bleibt es nicht. Auch so manche sprachlichen Konstrukte und Begriffe sind kritisch zu hinterfragen: Schon mal etwas von einem ‚Powermann‘ gehört? Nein? Dahingegen kennt jeder den Begriff ‚Powerfrau‘. Erst wenn frau ‚untypisch‘ viel leistet, wird sie also zur Powerfrau. Männer haben diesen Begriff gesellschaftlich scheinbar gar nicht nötig. Das ist wieder keine Schuldfrage, sondern vielmehr eine Beobachtung sprachlicher Phänomene, die durchaus eine Wirkung auf unser Denken haben.


Das Ende der Geschichte: Happy oder Hopeful?


Chancen und Potenziale für sozialen Wandel Richtung einer gleichberechtigten Arbeits- und Lebenswelt sind durchaus spürbar. Gerade viele junge Frauen und Männer sind sich ihrer Verantwortung bewusst, auf Missstände hinzuweisen und selbst Vorbildfunktionen einzunehmen. Vieles beginnt mit unseren unbewussten Wertesystemen, geht weiter mit unserem Denken sowie unserer gewählten Sprache und resultiert in unserem Handeln. Jeder einzelne dieser Schritte braucht also Achtsamkeit und ein gutes Maß an Selbstreflexion. Dann, ja dann, können wir ‚hopeful‘ sein, dass die Geschichte von den patriarchalen Strukturen irgendwann ein Happy End hat.

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